29. Juli 2026 von sevenfacts

Barrierefreies München: Quo vadis?

Fast jeder kennt diesen Moment: Man steht mit Koffer, Einkaufstaschen oder Kinderwagen vor einer defekten Rolltreppe und denkt sich, dass das jetzt wirklich nicht sein musste.

Für viele Menschen ist das ärgerlich. Für andere entscheidet genau dieser Defekt darüber, ob sie ihren Weg überhaupt fortsetzen können.

Wer im Rollstuhl unterwegs ist, einen Rollator benutzt oder aus anderen Gründen nicht einfach die Treppe nehmen kann, braucht keine freundliche Entschuldigung auf einem Schild. Er braucht einen funktionierenden Aufzug. Und zwar jetzt, nicht irgendwann nach der nächsten Ersatzteillieferung.

In meiner Zeit im Münchner Sozialausschuss war Barrierefreiheit deshalb immer wieder Thema. Der barrierefreie Umbau von Straßenkreuzungen ist beschlossen. Auch Tram- und Bushaltestellen werden nach und nach angepasst. Das ist richtig und wichtig.

Nur geht eben nicht alles gleichzeitig. Würde München sämtliche Haltestellen auf einmal umbauen, würden vermutlich weder Bus noch Tram besonders weit kommen. Bezahlbar wäre es ebenfalls nicht. Es passiert also viel. Aber es dauert. Und gerade für diejenigen, die heute auf Barrierefreiheit angewiesen sind, ist „nach und nach“ eine ziemlich unbefriedigende Zeitangabe.

Ein bis zwei Mal im Jahr wurde uns im Sozialausschuss über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention berichtet. Die Stadt tut eine ganze Menge. Das darf man auch anerkennen. Gleichzeitig gilt: Da geht noch mehr.

Besonders eindrücklich waren für mich immer die Berichte des ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten und des Behindertenbeirats. Dort wird aus einer abstrakten Debatte sehr schnell konkreter Alltag.

Dann geht es nicht mehr um Programme, Zuständigkeiten oder schön gestaltete Präsentationen. Dann geht es um die Frage, ob jemand morgens zur Arbeit kommt. Ob ein Arzttermin erreichbar ist. Oder ob eine spontane Fahrt mit dem Zug überhaupt möglich ist.

Bei einer Debatte über die Barrierefreiheit an Bahnhöfen kam die Deutsche Bahn mit einer kleinen Mannschaft ins Rathaus. Mit dabei war auch die zuständige Landeschefin. Die üblichen Verdächtigen waren schnell gefunden: die seit Monaten defekte Rolltreppe am Rosenheimer Platz und der Hauptbahnhof, wo eine Rolltreppe an einem wichtigen Zugang viel zu lange ausgefallen war.

Die Bahn hörte zu und zeigte sich durchaus selbstkritisch. Es gab Erklärungen dafür, warum Reparaturen manchmal länger dauern als geplant. Ersatzteile fehlen, Bauteile müssen speziell angefertigt werden oder verschiedene Stellen müssen sich abstimmen.

Das kann passieren. Nur sollte man es dann auch erklären.

Wer wochenlang vor derselben defekten Anlage steht und keinerlei Information bekommt, verliert irgendwann das Verständnis. Nicht immer ist die Verzögerung selbst das größte Problem. Oft ist es das Schweigen dazu. Meine Bitte war deshalb ziemlich schlicht: Sagt den Menschen, was los ist, warum es dauert und wann es voraussichtlich weitergeht.

Noch eindrücklicher war der Bericht eines Rollstuhlfahrers aus dem Behindertenbeirat. Er konnte bei einer Zugfahrt nicht mitgenommen werden, weil er sich nicht vorher angemeldet hatte.

Einfach spontan in einen Zug steigen? Für viele selbstverständlich. Für ihn nicht.

Spontane Mobilität ist damit keine Freiheit für alle, sondern eine Freiheit unter Vorbehalt. Das muss sich ändern.

Barrierefreiheit wird gerne mit großen Umbauprojekten verbunden. Mit neuen Bahnsteigen, Rampen und Aufzügen. Das ist wichtig. Aber Barrierefreiheit zeigt sich auch in den vermeintlich kleinen Dingen: Ist der Aufzug sauber? Funktioniert die Rolltreppe? Gibt es eine verständliche Information, wenn etwas ausfällt? Weiß das Personal, was zu tun ist?

Ein gepflegter und funktionierender Aufzug ist nicht bloß technische Infrastruktur. Er ist ein Ausdruck von Wertschätzung.

In der Politik sprechen wir gerne über große Projekte und zeigen dazu Visualisierungen, auf denen alles neu, sauber und sonnig aussieht. Der Alltag entscheidet sich aber oft an ganz anderen Stellen. Bei der Ersatzteilbeschaffung. Beim Reinigungspersonal. Beim Monteur, der eine Anlage wieder zum Laufen bringt. Oder bei der Trambahnfahrerin, die trotz voller Bahn ruhig bleibt und einer Rollstuhlfahrerin selbstverständlich beim Einstieg hilft.

Das klingt nicht spektakulär. Aber genau so funktioniert eine Stadt.

Und wenn es funktioniert, merkt man plötzlich: Geht doch. Wie schön.

Zurück zum Blog

Empfohlene Artikel

22. Juli 2026

Aubing und Freiham: die vergessenen Stadtteile?

Aubing, bei der Herfahrt über die Bergsonstraße, befindet sich das Bergson Kulturkraftwerk mit einem schönen Entree. Es ist wenige Jahre alt, hat ein tolles Kunst- und Kulturangebot und einen schönen…

Lesedauer: 3 Min

01. Juli 2026

Politik endet nicht mit einem Mandat

Sechs Jahre durfte ich Münchner Stadtrat sein. Eine Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Es war mir eine große Freude, mich um die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger zu…

Lesedauer: 2 Min

Verbunden bleiben

Bleiben wir
im Gespräch.

Ob per Nachricht oder auf Instagram – ich freue mich, von euch zu hören.